Wir starten dieses Jahr mit einer guten Nachricht:
Die Stiftung Alltagsheld:innen ist mit der Geschichte von Maryam, einer alleinerziehenden Migrantin aus dem Iran, im »Good News Magazin« vertreten – online und im Printmagazin.
Maryams Weg zeigt, was möglich ist, wenn Menschen trotz vieler Hürden nicht aufgeben – und wenn Strukturen da sind, die Teilhabe ermöglichen. Als alleinerziehende Migrantin hat sie Diskriminierung, Unsicherheit und Ausgrenzung erlebt. Inwzwischen hat sie Schritt für Schritt Fuß in Deutschland gefasst.
Ihre Geschichte ist Teil von etwas Größerem:
Maryam war Teilnehmerin unserer gemeinsam mit der Hochschule Düsseldorf initiierten Studie »WHO CARES? Lebensrealitäten migrantischer und geflüchteter Alleinerziehender zwischen Diskriminierung und Teilhabe“«.
Im Interview hat sie unserer Mitarbeiterin Anne Winterling Einblick in ihren Alltag, ihre Schwierigkeiten, Erfolge und Träume gegeben.
Die Ergebnisse zeigen deutlich:
Migrantische und geflüchtete Alleinerziehende stehen vor großen strukturellen Barrieren – im Aufenthaltsrecht, im Arbeitsmarkt, in Bildung und Beratung. Gleichzeitig gibt es wirksame Ansätze, die Teilhabe ermöglichen, wenn sie bedarfsgerecht gestaltet sind.
Unser Ziel:
Die Stimmen von Frauen wie Maryam hörbar machen – und die Erkenntnisse aus der Studie dorthin bringen, wo Entscheidungen getroffen werden: in Politik, Verwaltung und Praxis. Damit positive Wendungen nicht vom Zufall abhängen.
Das komplette Interview könnt ihr unten lesen, auf der Website des Good News Magazin (Paywall bzw. als gratis ePaper) oder im Printmagazin »Good News Magazin #13 – Mit Liebe gemacht«.
Das Leben ist ein Fluss …
Wie Maryam die Liebe zum Leben wiederfand
Die Iranerin Maryam, heute 42 Jahre alt, hat als migrantische Alleinerziehende viele Irrungen und Wirrungen erlebt, bis sie in Deutschland endlich in einem Beruf arbeiten konnte, den sie liebt und mit dem sie für sich und ihren Sohn ihr Leben bestreiten kann. Warum das nicht nur ein großes Glück ist, sondern auch mit Politik und der Stiftung Alltagsheld:innen zu tun hat, erfahrt ihr im Interview mit Sahra Kamali. Aber der Reihe nach …
Maryam, Sie sind aus Liebe nach Deutschland gekommen, bekamen einen Sohn, die Beziehung ging auseinander und Sie waren allein für Ihren Sohn verantwortlich.
Als ich nach Deutschland kam, war ich 29 und im Kopf noch ein kleines Mädchen. Ich habe hier viele Erfahrungen gesammelt, durch die ich eine andere Seite meiner Persönlichkeit kennengelernt habe. Ich wollte nie Kinder bekommen, weil ich immer gedacht habe, man muss richtig darauf vorbereitet sein oder Pläne haben. Mein Sohn war ungeplant, aber durch seine Geburt habe ich eine andere Frau in mir kennengelernt, die stark ist und ohne Hilfe ein Kind großziehen kann. Womit ich nicht gerechnet habe, war, dass es hier so schwierig ist, beruflich Fuß zu fassen.
Im Iran haben Sie eine gute Bildung genossen.
Ja, ich bin das jüngste Kind in der Familie, und meine Eltern wollten, dass ich mich um meine Bildung und meine Hobbys kümmere. Ich habe Cartoons gezeichnet, sechs Jahre Volleyball gespielt, und Deutsch hat mich schon durch meine Kindheit begleitet. Wir haben deutsche Kindersendungen geguckt, erst auf Video, später mit Satellitenfernsehen. Ich habe Deutsch studiert und hatte einen Hochschulabschluss. Leider hat man mir hier in zwei Beratungsstellen gesagt, dass dieser Abschluss nicht anerkannt wird. Ich war noch nicht lange in Deutschland und habe diesen Aussagen vertraut.
Das muss eine große Enttäuschung gewesen sein.
Ja, stattdessen empfahlen mir meine Beraterinnen, mich in der Tages- und Abendschule anzumelden und das Abitur nachzuholen. Ich bin dann tatsächlich in einen sechsmonatigen Vorkurs und danach in die neunte Klasse gegangen, das muss man sich mal vorstellen. Ich musste noch einmal ganz von vorn anfangen. Ich hatte immerhin einen Kita-Platz für meinen Jungen, stressig war es trotzdem. Gut war, dass ich dadurch das deutsche Bildungssystem kennengelernt habe, aber es war auch Zeitverschwendung. Außerdem wollte ich nicht von Sozialhilfe und dem Jobcenter abhängig sein, aber das ging nicht. Ich habe insgesamt neun Jahre gebraucht, bis ich endlich in einem Beruf gelandet bin, der meinen Fähigkeiten entspricht und mir Spaß macht.
Was war der Game-Changer?
Ich habe beim Verein MA.i – das steht für Migration und Arbeitswelt – erfahren, dass ich meinen Bachelor in Deutschland anerkennen lassen kann. Als ich ihn schließlich hatte, war ich unendlich dankbar. Nur im Jobcenter konnte man nichts mit mir anfangen und wollte mich von einer Maßnahme zur nächsten schicken. Ich fühlte mich in einer Sackgasse, bis mir die Frauen von der Organisation Migrafrica Mut gemacht haben: »Du bist eine starke Frau, du schaffst das.« Das hat mir geholfen, aktiv zu werden: Ich habe eine Fortbildung zur Integrations- und Sprachmittlerin, außerdem einen Zusatzqualifikationskurs für Lehrkräfte gemacht. Und als Dolmetscherin arbeite ich auch manchmal.
Sie leiten jetzt Integrationskurse für Deutsch und unterrichten andere Migrant:innen – sind Sie stolz?
Ja, ich fühle mich endlich als Teil der Gesellschaft. Ich liebe meinen Beruf – und natürlich meinen Sohn. Für mich ist es ein Geschenk, mein Wissen weiterzugeben und den anderen als Nicht-Muttersprachlerin Mut zu machen. Wenn ich mich am Abend vorher auf meinen Unterricht vorbereite, ist das Nahrung für die Seele. Das Leben ist für mich ein Fluss, der mich jetzt an ein Ufer getrieben hat, an dem ich glücklich bin.
Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Ich komme mir manchmal vor wie ein Roboter. Ich stehe morgens um halb fünf auf, weil ich zu meinen Integrationskursen eine weite Strecke zurücklegen muss. Und mein Sohn braucht mich ja auch. Dazu noch all der Alltagskram, Behördengänge … Das ist viel. Ich würde gerne wieder zeichnen, mein Traum war früher, Illustratorin für Kinderbücher zu werden. Und ich würde mich gerne einbürgern lassen.
Anne Winterling, punktum.koeln/team/anne-winterling
© Illustrationen: Anne Albert (Kombinatrotweiss)
»Wenn man eine Entscheidung trifft, mag der Weg
schwierig, voller Hindernisse oder Kurven sein, aber
schließlich kommt man ans Ziel. Manchmal führt er quer,
manchmal geradeaus. Aber jeder kommt ans Ziel.«
Maryam
Was die Geschichte Maryams mit Politik und der Stiftung Alltagsheld:innen zu tun hat
Die gemeinnützige Stiftung Alltagsheld:innen setzt sich dafür ein, migrantischen Alleinerziehenden wie Maryam und ihren Kindern eine selbstbestimmte Zukunft zu ermöglichen. Zusammen mit der Hochschule Düsseldorf hat die Stiftung eine zweijährige Studie zu ihrer Situation in Nordrhein-Westfalen initiiert und gefördert. Maryam war Studienteilnehmerin und gewähre in Tiefeninterviews Einblick in ihr Leben als migrantische Alleinerziehende. Wie auch an ihrer Geschichte zu sehen ist, ist die Teilhabe migrantischer und geflüchteter Alleinerziehender an Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Bildung erheblich eingeschränkt. Gleichzeitig erhalten sie wenig Unterstützung in Beratungsstellen, die angesichts komplexer ausländerrechtlicher Regelungen weder sprachlich noch inhaltlich unterstützen können.
Mit der Studie werden kommunalen Verwaltungen, Ministerien, Politik und Beratungsstellen erstmals Daten zugänglich gemacht, die ein tiefergehendes Verständnis der Lage von eingewanderten Alleinerziehenden ermöglichen. So könnten mehr angepasste Unterstützungsmaßnahmen entstehen, die diese besonders vulnerable Gruppe erreichen, und Barrieren beseitigt werden, die echte Teilhabe verhindern.
Etwa 100 Vertreter:innen aus Politik, Sozialer Arbeit und Verwaltung sowie Betroffene selbst diskutierten auf einer Fachtagung im September 2025 über die Ergebnisse der Studie. Als Essenz daraus soll in Kürze ein Policy Paper der Stiftung mit Handlungsempfehlungen an Politik und Beratungsstellen erscheinen – ein echtes Novum. Darüber hinaus fördert die Stiftung Alltagsheld:innenschon seit zwei Jahren gezielt beispielhafte Projekte und baut Lotsen-Netzwerke zwischen relevanten Einrichtungen und Initiativen auf, etwa mit dem im Interview erwähnten Verein Migrafrica. Sie unterstützen migrantische und geflüchtete Alleinerziehende beispielsweise beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, etwa durch individuelle Beratung, Teilzeitausbildungen oder flexible Betreuungsmodelle. Vor allem aber bestärken sie Frauen darin, selbstbewusst ihren Weg zu gehen.
Denn in Zukunft soll es nicht dem Zufall überlassen bleiben, dass sich eine Geschichte wie die von Maryam doch noch zum Guten wendet.