Arbeitsschwerpunkte

Sonderthema Ukraine
Wohn- und Lebensräume für Ein-Eltern-Familien
Migrantische Alleinerziehende
Sonderthema Familienrecht

Grafik Kinderhand in Erwachsenenhand

Sonderthema Ukraine

Ukraine: Plötzlich alleinerziehend

Putins Krieg gegen die Ukraine dauert an – und nach wie vor leiden Zivilist:innen, insbesondere Frauen und Kinder, sehr darunter. Mütter werden durch den Krieg und Flucht alleinerziehend – viele auf unbestimmte Zeit, manche für immer. Sie sind sexualisierter Kriegsgewalt besonders stark ausgeliefert. Frauen haben an den politischen Verhandlungen keine nennenswerte Teilhabe, wie es die UN-Resolution 1325 „Frauen, Frieden und Sicherheit“ seit über 20 Jahren fordert: dass Frauen in allen Entscheidungsgremien und Mechanismen zur Vermeidung, Behandlung und Lösung von Konflikten stärker repräsentiert sein müssen.

Um Frauen und Kinder in der Ukraine zu unterstützen, hat die Stiftung Alltagsheld:innen im Sommer 2022 Spenden gesammelt und sie verdoppelt. Die Summe kam zwei Frauenrechtsorganisationen in der Ukraine zugute, damit sie ihre wichtige humanitäre Arbeit für Frauen und Kinder gerade jetzt im Krieg fortsetzen können. Die beiden Organisationen – Berehynia und Misto Dobra – kooperieren mit AMICA e.V. in Freiburg und Terre des Femmes e.V. Deutschland.

Darüber hinaus wurden zwei weitere Projekte im Rahmen des Sonderthemas Ukraine mit Stiftungsmitteln unterstützt.

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Wohn- und Lebensräume für Ein-Eltern-Familien

Ein eigenes Zimmer

Mit „A room of one’s own“ überschrieb Virginia Woolf 1929 ihren berühmten Essay. Er avancierte schnell zu einem Textklassiker und gilt bis heute als einer der zentralen Impulse für die Frauenrechtsbewegung. Rund 100 Jahre später ist die feministische Forderung nach einem eigenen Rückzugsort für die Frau immer noch nicht vollständig Realität. Leancy, eine alleinerziehende Mutter in München, formuliert in einem von uns geförderten Wohnprojekt stellvertretend für die meisten alleinerziehenden Frauen den dringenden Wunsch nach einem eigenen Zimmer in der Ein-Eltern-Wohnung. Denn die meisten verfügen über wenig Einkommen. Daher leben, schlafen und arbeiten sie im gemeinsamen Wohnzimmer. Das weitere verfügbare Zimmer der Wohnung geben sie ihren Kindern. Mehr Platz ist nicht drin.

Bis heute orientiert sich bei Bauvorhaben der Zuschnitt von Wohnungen an Zwei-Eltern-Familien – die Bedarfe von Alleinerziehenden werden ignoriert. Sofern sie überhaupt eine bezahlbare Wohnung finden. Weil das Wohnproblem fast allen Alleinerziehenden so unter den Nägeln brennt, aber kaum individuell lösbar ist, haben wir als Stiftung 2021 damit begonnen, unseren Arbeitsschwerpunkt WOHN- UND LEBENSRÄUME FÜR ALLEINERZIEHENDE für die kommenden Jahre aufzubauen. Mit unseren Partner:innen fragen wir uns: Was macht gutes Wohnen für Alleinerziehende aus? Welche Potentiale bieten gemeinschaftliche Wohnformen
für gegenseitige Unterstützung und Erleichterung im Alltag?

Die Stiftung baut seither ein Netzwerk Wohnen auf, vernetzt kontinuierlich Verbände, Vereine, Träger und weitere Akteur:innen, um den Austausch und Wissenstransfer zu fördern. Die Stiftung unterstützt erste Wohnprojekte wie von siaf e.V. in München und hat 2022 eine Kooperation mit Juno e.V. in Wien initiiert, die seit Jahren erfolgreich Wohnungen an Ein-Eltern-Familien vermitteln. Zudem ist eine Studie zur Wohnsituation von Ein-Eltern-Familien in Vorbereitung, ebenso wie ein stiftungseigenes Pilot-Wohnprojekt für Alleinerziehende in Nordrhein-Westfalen.

Mit diesen Projekten möchte die Stiftung Impulse setzen, die der belastenden Wohnsituation von Ein-Eltern-Familien mit Lösungen entgegenwirken und zu weiteren vergleichbaren Projekten anregen.

Aktuelle Projekte im Rahmen des Schwerpunktthemas:
siaf. e.V.
Wohnprojekt in NRW

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Migrantische Alleinerziehende

Migrantisch. Alleinerziehend. Nicht mitgedacht

Yulia V. floh im März 2022 mit ihren beiden Kindern aus der Donezk-Region. Sie lebt heute als Alleinerziehende in einer hessischen Geflüchtetenunterkunft; ihr Mann kämpft für die Ukraine. Kim H., eine Lehrerin aus Vietnam, kam vor einigen Jahren nach Berlin und kämpft sich als Alleinerziehende durch Antragsformulare in Behördendeutsch und versteht bis heute nicht, warum die Kinderbetreuung nicht auf ihre Arbeitszeiten ausgerichtet ist. Doch sie hat Glück, denn sie wird von der Koordinierungsstelle Alleinerziehende des Bezirks Neukölln in Berlin beim Träger skf unterstützt. Eine der wenigen Anlaufstellen für migrantische Alleinerziehende in Deutschland. Aleksandra, alleinerziehende Migrantin mit einem Kind mit Behinderung, sagt: »Der Alltag ist hart! Aber ich bin gebildet, ich habe ein soziales Umfeld, ich spreche deutsch und weiß, wo ich Hilfe bekomme. Für viele Alleinerziehende in unserer Beratungsstelle ist das nicht der Fall.« Sie arbeitet bei agisra e.V., einer Informations- und Beratungsstelle für Migrant:innen und geflüchtete Frauen in Köln im Projekt „Barrierefrei und Grenzenlos“.

Ob sie nach Deutschland eingewandert sind, um hier zu leben und zu arbeiten oder vor Armut, Krieg und Verfolgung geflohen sind: Als Alleinerziehende erleben Migrant:innen spezifische Benachteiligungen und Hürden. Ihre Lebenslagen können zusätzlich erschwert sein durch Sprachbarrieren, Ausländerrecht, fehlende soziale Unterstützungsnetze und Beratungsstellen. Deshalb hat sich die Stiftung entschlossen, die Verbesserung der Lage migrantischer Alleinerziehender zu einem zweiten Arbeitsschwerpunkt zu machen.

Darin fokussiert die Stiftungsarbeit einerseits auf die Förderung von Projekten, die Hilfe-Strukturen für diese Gruppe der Alleinerziehenden aufbauen und stärken. Andererseits gab die geringe Datenlage der Stiftung Anlass, in Forschung zu investieren: Gemeinsam mit der Hochschule Düsseldorf realisiert die Stiftung eine Studie zur besonderen Lage migrantischer und geflüchteter Alleinerziehender in Nordrhein-Westfalen. Dabei soll u.a. untersucht werden, welche unterschiedlichen Problemstellungen bestehen, welche Möglichkeiten und Barrieren zu gesellschaftlicher Teilhabe ihr Leben ebnen oder behindern und wie heterogen ihre Unterstützungsbedarfe sind. Die Ergebnisse der Studie werden voraussichtlich Ende 2024 vorliegen. Sie sollen die Grundlage für die weitere Arbeit der Stiftung zusammen mit Partnerorganisationen und Beratungsstellen in diesem Themenfeld bilden. Die Ergebnisse fließen auch in ein Policypaper ein, mit der sich die Stiftung an Entscheidungsträger:innen aus Verwaltung und Politik wenden möchte.

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Sonderthema Familienrecht

Der unsichtbare Kampfplatz

Das Familienrecht ist – von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt – in der vergangenen Dekade zu einem zunehmend belastenden Schauplatz für alleinerziehende Mütter avanciert. Das verwundert kaum, schließlich laufen die Gerichtsverfahren hinter verschlossenen Türen. Was einerseits sinnvoll ist – nämlich die Kinder und Eltern vor der Öffentlichkeit zu schützen – verkehrt sich zunehmend in eine Schwäche: Was in den Verfahren unter Gleichstellungsaspekten an Diskriminierung passiert, bekommt die Öffentlichkeit kaum mit. Wie groß die Herausforderungen für alleinerziehende Frauen dort sind, erschließt sich erst durch eine tiefere Befassung mit der Thematik. Die Stiftung wurde 2021 durch ihre Netzwerkpartner:innen darauf aufmerksam gemacht und beschloss daher, diesen Themenkomplex verstärkt in den Fokus ihrer Arbeit zu stellen.

Studie: Kinder in Familiengerichten über Gebühr belastet

Im April 2022 erschien die Studie „Familienrecht in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme“ des Soziologen Wolfgang Hammer, als langjähriger Abteilungsleiter im Hamburger Sozialministerium ehemals zuständig für die Kinder- und Jugendhilfe der Hansestadt. In dem vorgelegten Papier analysiert er den Umgang mit Kindern in Verfahren zum Umgangs- und Sorgerecht und in Jugendämtern – mit erschütterndem Befund. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Kinder leiden, weil Frauen in Deutschland in diesen Verfahren systematisch benachteiligt werden, selbst von staatlichen Institutionen wie Jugendämtern und Gerichten. Die Benachteiligung von Müttern in Umgangs- und Sorgerechtsverfahren ist besonders beunruhigend, weil sie sich deutlich auf das Wohlergehen und die Rechte der Kinder auswirkt. Die Stiftung Alltagsheld:innen hat die Publikation der Studie gefördert, da sie eine bisher verborgene, gravierende Diskriminierung von alleinerziehenden Frauen sichtbar macht – aber damit ebenso die Chance eröffnet, diese diskriminierenden Strukturen und Mechanismen abzuschaffen. Die Studie und weitere Informationen sind unter www.familienrecht-in-deutschland.de abrufbar.

Hotline Familienrecht für Alleinerziehende

Im Mai 2022 startete die Stiftung Alltagsheld:innen die erste bundesweite Rechtshotline für Alleinerziehende im Familienrecht. Bei dieser können sich Ratsuchende kostenfrei von Rechtsanwält:innen beraten lassen. Das Angebot ergänzt bestehende, lokale Rechtsberatungsangebote für Alleinerziehende und ist bundesweit zugänglich. Das Angebot war nach Start sofort auf Monate hin ausbucht. Den wachsenden Beratungsbedarf belegen auch Einschätzungen der juristischen Fachwelt: Die Ausgestaltung der Betreuung gemeinsamer Kinder nach Trennung wird immer häufiger vor Gericht ausgetragen. Eine Ursache dafür sieht die Stiftung u.a. in der fehlenden oder nicht ausreichenden rechtlichen Beratung von Alleinerziehenden. Eine qualifizierte Beratung ermöglicht ihnen frühzeitig ihre Rechte zu kennen und auf dieser Basis passende Lösungen zu finden.

Interview mit Karola Rosenberg, Fachanwältin für Familienrecht. Sie ist eine der Rechtsanwält:innen der Hotline.

Alleinerziehende bei Rechtsberatung oft benachteiligt

Alleinerziehende haben strukturell bedingt einen erschwerten Zugang zu passender Rechtsberatung. Durch ihre Mehrfachbelastung von Erwerbs- und Carearbeit verfügen sie oft über geringe finanzielle Mittel und sind zusätzlich von Zeitarmut betroffen. Gerade im ländlichen Raum fehlen bezahlbare oder kostenlose Beratungsangebote. Gleichzeitig haben Alleinerziehende oft nicht die notwendigen Finanzen, um zu einer Fachanwaltskanzlei zu gehen. Das Hotline-Angebot steht immer donnerstags zwischen 17 und 20 Uhr zur Verfügung. Die Stiftung möchte damit dazu beitragen, möglichen Belastungen der Ein-Eltern-Familien, insbesondere der Kinder, durch langwierige gerichtliche Auseinandersetzungen vorzubeugen. Ratsuchende können einen kostenfreien persönlichen Beratungstermin à 30 Minuten unter www.hotline-familienrecht.de buchen. Seit dem Start konnte die Hotline bereits über 100 Alleinerziehende beraten.

Die Hotline wird für die Dauer von einem Jahr bereitgestellt und anteilig aus Mitteln der Stiftung Alltagsheld:innen sowie der CMS-Stiftung finanziert.

Wenn Sie gezielt diesen Arbeitsschwerpunkt unterstützen möchten, verwenden Sie dafür als Spendenbetreff ‚Familienrecht‘. zur Spendenseite